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Gemeinde Rückblick
"Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen" -
meine Erzählung beginnt allerdings kurz vor der Studienreise der Kirchengemeinde nach Tibet.
Am Montag vor der Abreise erhielt ich Post von dem Inhaber des Reisebüros, der für uns die Fahrt in das ferne Tibet organisiert hatte. Klaus Ludwig sandte mir ein Prospekt mit dem Angebot für künftige Fahrten. Auf diesem Werbeprospekt war ein kleiner tibetischer Junge abgebildet, der in seinen Händen eine Melone hielt.
Dazu schrieb er, das Bild habe er im letzten September in einem Dorf bei der Stadt Shigatse aufgenommen. Ich sollte ihm versprechen, das Prospekt dem Jungen zukommen zu lassen!
"Was ist denn das für ein Anliegen?" - war meine erste Reaktion. Das mutet eher an wie die Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen.
Dennoch wurde das Prospekt eingepackt und bei der Ankunft Norbu, unserem tibetischen Reiseleiter, ausgehändigt. Unsere Studienreise führte uns in der 2. Woche nach Shigatse, der zweitgrößten Stadt des Autonomen Gebiets Tibet. Dort besuchten wir die Klosterstadt Tashilunpo, den ehemaligen Stammsitz des Panchen Lama. Und auf dem Rückweg nach Lhasa wählten wir die Route, die uns durch das Dorf des Titelhelden führen sollte.
Vor der kleinen Ortschaft befragte Norbu einen Bauern am Straßenrand, ob er wisse, wo dieses Kind zu finden sei. Dazu zeigte er ihm das besagte Prospekt. Auf seine Antwort hätten auch wir kommen können: Natürlich in der Schule! Die war im Ort leicht zu finden. Aus Sicherheitsgründen für den Jungen und seiner Familie wurde noch ein Bild des Dalai Lama aus dem Prospekt entfernt.
Als Norbu und ich den Schulhof betreten hatten, waren wir gleich von einer großen Anzahl von Kindern umringt, die gerade Pause hatten. Kaum hatten wir das Bild unseres Jungen gezeigt, stand er auch schon wenige Augenblicke später vor uns. Wir hatten den Jungen gefunden, was ich vor unserer Abreise noch für nahezu unmöglich gehalten hatte.
Als Reisegruppe hatten wir noch die Gelegenheit dem Unterricht beizuwohnen. Wir waren alle erstaunt über den Lerneifer der Kinder des 3. Schuljahres. Es stand zwar gerade das Fach Englisch an, die 2. Fremdsprache nach Chinesisch (!). Aber Norbu gelang es, ihnen ein "Gu-ten Mor-gen" beizubringen. Gemeinsam sangen wir das Lied "Bruder Jakob" - die Schüler auf Tibetisch und wir in unserer Sprache.
Dann mussten wir uns verabschieden, denn vor uns lagen noch rund fünf Stunden Fahrt durch eine atemberaubende tibetische Landschaft entlang des Flusses Yarlung Tsangpo
(Brahmaputra) und Passüberquerungen auf rund 5000 Metern Höhe.
Helmut Spindler
Herr Ludwig berichtet über seine Tibetreise:
" Ich habe in Tibet diesmal bewusst darauf verzichtet, mir Lhasa anzusehen.
Ich wollte in die Provinz; wollte sehen und fühlen, was sich verändert hat. Da gibt es durchaus Einiges.
So sind die Sicherheitsstandards verbessert worden. Angefangen beim Flug nach Lhasa, für den be-sondere Sicherheitsabfertigungen vorgesehen sind, bis zu den nunmehr außerhalb jeder Stadt befindlichen Kontrollposten, wo überraschend adrett gekleidete und wohl ausgesuchte Uniformierte Dienst tun und ausgenommen freundlich Papiere aller, außer den bekannten Einheimischen, kontrollieren.
Der Flughafen in Lhasa ist ausschließlich Reisenden vorbehalten. Das Kloster Samye ist noch für Besuche geschlossen, Drepung und Ganden ebenso. Im Sera finden vorerst keine öffentlichen Disputationsübungen mehr statt. Von der Atmosphäre in Lhasa weiß ich nichts zu berichten, dafür umso mehr von der auf dem Lande.
Ich war in Tsedang, in Shigase, in Sakya, in New und Old Tingri und in Zhangmu.
überall und besonders unterwegs in Dörfern auf dem Lande fiel die lockere, fast fröhliche Atmosphäre auf. Mir scheint, die Erntestimmung hat das Land erfasst. Ein Bild mit paradiesischem Charme. So weit das Auge reicht wiegen sich die ähren im Wind, unterbrochen von Obstplantagen, wo gerade Wassermelonen und Pfirsiche geerntet werden, die auch an den Straßen verkauft werden. Teilweise ist das Feld schon mit der Sense gelichtet, haben Bauern ihre Erträge ansehnlich aufgehäuft. Und wir befinden uns zwischen 3500 und 4000 m ber dem Meeresspiegel!
Fehlt noch der Gesang. Aber um die religiösen Rituale wird sich nach der Ernte, im harten Winter, gekümmert, wenn dafür Zeit ist. Einige haben staatliche Hilfe angenommen und bauen eifrig an Gewächshäusern, die auch im Winter Erträge ermöglichen und in einigen Dörfern ,verschandeln` die Idylle großflächige Sonnenkollektoren, die Elektrizität erzeugen.
Ich habe mich verschiedentlich mittags einfach eine Stunde vor einem Restaurant an die Straße gesetzt, genug Trinkwasser dabei und ein gutes Buch, um ggf. durch Lesen Aufdringlichkeit zu vermeiden.
Und so kommen alle Generationen alsbald vorbei.
Die Kinder, die sich auf dem Nachhausewege von der Schule neugierig um Kontakt bemühen, Bettler, die sich Almosen von mir erhoffen und Frauen, die auf Durchreisende mit billigem Kram warten.
Freundlich machen Händler aus ihren einfachen Geschäften auf sich aufmerksam und dann kommt auch noch der 'gefürchtete' (so muss ich von Vorurteilen durchtränkt denken) Funktionär vorbei. Nein, nicht einer, sondern gleich eine Wagenkolonne, geleitet von einem Polizeifahrzeug, höhere Offiziere offenkundig, und eine Hand voll wichtiger Chinesen.'Ni ha' ist der freundliche Gruß an mich, der ich hier an der Treppe zum Restaurant sitze, das auch sie anvisiert haben, offenkundig wegen der wohlschmeckenden Suppengerichte. Das Leben drum herum geht einfach so weiter, keine Hektik, kein Misstrauen oder schnelles Verschwinden. Und im Restaurant freut sich die Bedienung und sicher auch der Inhaber über die neuen Gäste.
Ist Leben wirklich so banal?
Und mehr als diese Szenen, so mit Blick auf den Mt. Everest, überzeugt das hektische Treiben in Zhangmu, jener Grenzstadt zu Nepal, wo von Spiritualität genauso wenig zu spüren ist wie in den Abendstunden im Zentrum von Shigase, das die Jugend beherrscht, die mit ihren Mopeds und auf der Suche nach Spaß, vielleicht auch Mädchen, die Karaoke-Bars frequentieren, in Discos verschwinden oder einfach nur dem Alkohol frönen.
Laut geht es zu und ich bin mir sicher, wenn ich sie frage, ob sie dieses Leben oder das im Kloster vorziehen, wie die Antworten ausfallen. Meinen tibetischen Reiseleiter habe ich gefragt, was er für seinen Sohn vorziehen würde, ein Leben als Mönch, oder? Wir hatten uns in einem ausgedehnten Exkurs über tibetischen Buddhismus und den Begriff der Freiheit (er benutzte das Wort Liberation) befunden.
Kloster (in Tibet dürfen die Klöster nur Mönche aufnehmen, die mindestens 17 Jahre alt sind und eine temporäre Mönchsphase gibt es dort nicht) kommt für seinen Sohn dann in Frage, wenn er den Ehrgeiz zeigte, Lama (Klostervorsteher, Abt) zu werden. Kluge Antwort, aber ohne praktische Konsequenz, denn so sehr er sich einen Sohn wünscht, hat er doch 'nur' zwei Töchter. Und, so frage ich ihn, wie wäre es für ihn, den Städter, der seinen Töchtern nicht mehr vorschreiben will, wen sie einst heiraten, wenn diese sich z.B. in einen reichen, aber islamischen Mann aus Malaysia, nur so zum Beispiel, verliebten? 'Dann wird die Familie dies verhindern'. Wie soll denn eine Ehe mit Andersgläubigen funktionieren?
Klöster haben über Jahrhunderte das Geschick des Landes bestimmt und sind heute noch der Mittelpunkt des Lebens. 900 Mönche leben etwa im Tashilhunpo, Sitz des Panschen Lama und meiner überzeugung nach schönste der vielen Klöster der dominierenden Gelbmützensekte. Hier spüre ich keine Spannung, keine Nervosität, sind auch die Mönche Besuchern gegenüber durchaus auf-geschlossen. Auch im Kloster Sakya, das bedeutendste Kloster der Rot-mützensekte (hier hatte ich das Glück an einer bedeutenden religiösen Zeremonie teilzunehmen), herrschte diese Aufgeschlossenheit und da das ganze Dorf versammelt war, kann ich dies auch für die Menschen hier behaupten.
Tibet hat sich natürlich verändert. Auch hier bleibt die Zeit nicht stehen. Spürbar ist heute aber die stärkere Aufmerkamkeit, die Besuchern gewidmet wird. Verständlich, wenn mittlerweile fast 80% der städtischen Bevölkerung mittel- bis unmittelbar am Tourismus partizipiert. Ich habe mich während dieser Reise entschieden, unseren Kunden, dort wo es möglich ist (in Lhasa und Shigase auf jeden Fall), die Hotelunterbringung in Häusern anzubieten, deren Besitzer Tibeter sind, auch, weil ich erfahren durfte, dass sie ihre Gewinne teilweise u.a. in Projekte zur Verbesserung dörflicher Infrastruktur investieren. Eines habe ich unweit Shigase besucht, wo die Dorfbewohner diese Hoteliers dankbar als ihre Mütter bezeichnen. In diesem Dorf leben heute 200 Menschen und die 50 Familien wohnten noch vor 4 Jahren unweit der Grenze zu Nepal, haben dann ein Angebot der Regierung zur Umsiedlung angenommen. Ich habe mich umgehört und einhellig wre niemand lieber geblieben, wo sie einst geboren und aufgewachsen sind. Ein Blick auf die blühenden Felder verscheucht jedes Misstrauen.
Eines Tages, und so weit scheint es gar nicht mehr entfernt zu liegen, in den Städten zumal, wird Tibet und werden die Tibeter/innen ihr Leben weniger den religiösen als den gesellschaftlichen Anforderungen entsprechend gestalten. Und sie werden dann ihre Lamas und auch den höchsten, den Dalai Lama, weiter so würdigen und ihm Respekt erweisen, wie auch wir es gegenüber dem Papst tun, ohne dass wir deshalb so leben, wie dieser es vorgibt oder verlangt. Und es wird so sein, dass in den Städten und abgeschwächt auch auf dem Land, der Rhythmus des Lebens von der Sorge um die Zukunft der eigenen Kinder, gutem Einkommen und besseren Bildungschancen geprägt wird, während sich in den Klöstern weiterhin gegen die Zeit gestemmt wird. Auch hier gibt es Parallelen mit unseren Erfahrungen.
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